Die Neue Heimat war der größte und bedeutendste nicht-staatliche Wohnungsbaukonzern im Europa der Nachkriegszeit. In einem Zeitraum von über dreißig Jahren hat das Gewerkschaftsunternehmen mehr als 400.000 Wohnungen geplant und ausgeführt und darüber hinaus seit den sechziger Jahren auch zahlreiche Kommunal- und Gewerbebauten in Deutschland realisiert – die Mehrzahl davon steht noch heute.
Die Projekte der Neuen Heimat sind sowohl Ergebnis eines engen Zusammenspiels von wirtschaftlichen Interessen und Politik, als auch Ausdruck und Spiegelbild der bundesdeutschen Sozialgeschichte. Der Neuen Heimat gelang es, im Zuge des deutschen Wirtschaftswunders der Hoffnung auf ein besseres Leben für eine breite Bevölkerungsschicht programmatisch Ausdruck zu verleihen. Mit großen Siedlungsanlagen, meist als Sozialwohnungen angelegt, bildete das Gewerkschaftsunternehmen ein wirkungsvolles Instrument gegen den noch zwei Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg bestehendem Wohnungsmangel. Ihr Programm war an die Vision eines gesellschaftsprägenden Einflusses des Städtebaus geknüpft: „Städtebau hat praktische Politik zu sein“, so der Vorstandsvorsitzende Albert Vietor, der Stadtentwicklung als „Dienst am Fortschritt“ bezeichnete. Der skandalträchtige Zusammenbruch des Unternehmens Anfang der achtziger Jahre wirkte wie ein Schock auf die westdeutsche Bevölkerung und markierte das Ende einer Epoche.
Die Bauten der Neuen Heimat spiegeln die Entwicklungen und Debatten des Städtebaus der 1950er bis 1980er Jahre von Hans Bernhard Reichows „Organischer Stadtbaukunst“ über Alexander Mitscherlichs Kritik an der „Unwirtlichkeit“ der Städte bis zum Ruf nach mehr Urbanität durch Dichte. Als die Grenzen des stetigen Wachstums im Wohnungsbau Mitte der 1960er-Jahre erkennbar wurden, weitete das Unternehmen sein Wirkungsfeld aus. Mit Tochterfirmen, die außerhalb der Bindung an die Gemeinnützigkeit operierten, gelang es der Neuen Heimat weitere Märkte zu erschließen: sie plante und errichtete Kliniken, Einkaufs- und Kongresszentren und wurde dann auch international tätig von Frankreich über Ghana bis Mexiko und Venezuela.
Nach der Abwicklung der Neuen Heimat wurde sie meist nur reflexartig mit den als problematisch rezipierten Großsiedlungen verknüpft. Das behinderte lange Zeit eine differenzierte Würdigung ihrer Leistungen. Angesichts der dramatischen Zuspitzung des Wohnungsmarktes in der Gegenwart ist es höchste Zeit für eine kritische Neubetrachtung und Neubewertung: Was ist aus den sozialdemokratischen Visionen eines bis heute angestrebten „Wohnen für Alle“ geworden? Erstmals werden die Bauten und Projekte der Neuen Heimat exemplarisch in einer Architekturausstellung präsentiert. Ein bedeutender Anteil der Materialen stammt aus dem Hamburgischen Architekturarchiv, aus den Beständen des Architekturmuseums der TUM und der WSB Bayern. Zahlreiche neu produzierte Interviews mit Zeitzeugen dokumentieren die Geschichte der Neuen Heimat. Fotografien von Herlinde Koelbl widmen sich den Bewohnern und Bauten Neuperlachs. Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch zeigen die Siedlungen und Großprojekte in gegenwärtiger Perspektive.
Eine Ausstellung des Architekturmuseums der TUM und des Hamburgischen Architekturarchivs in Kooperation mit dem Museum für Hamburgische Geschichte. Kuratorin: Hilde Strobl, Koordination: Jonas Malzahn, Ausstellungsarchitekt: Mario Lorenz, Wiesbaden; Grafik: Hannes Aechter, Berlin.
Es ist das Unglück, daß Würde und Feinheit von Gedanken oft von den Raumverhältnissen eines Zimmers, einer beglückenden Fensteraussicht, einem gewissen Maß von Licht und Farbe abhängig sind, so daß einer, der sein Leben lang in einer Art von länglichen Schachteln gehaust hat und eines Tages ein edel proportioniertes Gemach betritt, sich zu glauben geneigt findet, wieviel er vielleicht allein durch den Charakter seiner Wohnräume geistig verloren haben könnte.



